Geschichte von den Anfängen bis heute

Persönliche Führungen
El Cabanyal – Anfänge
Neues Land und Feuersbrunst
Pueblo Nuevo del Mar
El Cabanyal Teil Valencias
Kampf gegen Zerstörung
Neuaufbau des Cabanyal
Frühere "Cabanyas". Ursprung des Namens "El Cabanyal".

El Cabanyal – Anfänge

Frühere Spuren

Das Gebiet des Cabanyal damals: In den Jahrhunderten vor Christi Geburt wurde der Küstenbereich zwischen dem großen Fluss "Turia" und dem kleineren Fluss "Barranc de Carraixet" schon als Anlegestellen für Schiffe genutzt, genauso wie die aus Quellen gespeisten Süßwasserkanäle, sog."Acequias". Alle diese ins Meer mündenden Flüsse und Kanäle dienten als Transportwege zwischen im Landesinneren gelegenen iberischen Siedlungen und der Küste. Die Schiffe landeten entweder direkt auf dem Sandstrand oder konnten an Holzstegen am Ufer der Flüsse und Kanäle festgezurrt werden. Es gab noch keinen Hafen.

Die Römer gründen Valencia

Im Jahre 138 v. Chr. wird Valencia als Kolonie von Hispania durch die Römern gegründet. Da Valencia selber nicht am Meer lag, wurden für den Transport vom Meer weiterhin die Flüsse und Kanäle genutzt, Landungsstege gab es in Saler-Pinedo und in der Zone Grau-Cabanyal, wo langsam ein Hafenbereich entstand. Verschiedene Funde von Tonkrügen in Schiffswracks, gesunken in den Kriegen zwischen Karthager und Römer, zeugen von einem regen römischen Handel mit Italien. Insbesondere wurde Wein nach Valencia für das dortige römische Heer importiert. 50 bis 100 Jahre später expandierte der Handel auch nach Nordafrika. 

Die Araber bauen den Hafen aus

Mit dem Niedergang des römischen Reiches und der Herrschaft der Araber (Mauren) ab 711 wurde Valencia  immer größer, da die Stadt nahe an maritimen Handelsrouten lag. Der außerhalb von Valencia liegende Hafen bekam deshalb größere Bedeutung. Die Araber begannen ein Verteidigungssystem mit Mauern um den Hafenbereich "El Grau" zu bauen. 

Die "Acequias" im Bereich Grau-Cabanyal wurden von den Arabern weiter ausgebaut und wie früher für den Transport auf dem Wasser und als Süßwasserquelle genutzt. Die Araber waren Meister in der Technik der Bewässerung, auch im Umkreis von Valencia wurden so Ebenen, Felder und Grundflächen bewässert. Das spanische Wort "acequia" kommt aus dem klassischen arabischen, as-sāqiya, was so viel bedeutet wie Wasserleitung. 

Fischer unter Jaime I

Jakob der Eroberer, oder spanisch Jaime I, eroberte im Jahr 1238 Valencia. Jaime I hatte großes Interesse, dass die Fischer und Matrosen sich am Meer im Hafenbereich El Grau ansiedelten. Doch niemand wollte nah ans Meer wohnen. Dort zu leben galt als ungesund und gefährlich. Jaime I versuchte deshalb mittels materiellen Anreizen die Siedlung um den Hafen El Grau zu beleben. 

Die Gründung der Siedlung "El Grau" ist datiert auf das Jahr 1249. Damit sich dort Fischer ansiedelten, mussten sie keine Steuer auf die Häuser, also keine Grundsteuer, bezahlen. Außerdem legte Jaime I im Jahr 1250 unterschiedliche Abgaben für den Fischfang fest. Da der Fischfang im offenen Meer weitaus gefährlicher war als in der See Albufera weiter südlich, mussten die Fischer der Zone Grau-Cabanyal weniger Abgaben (Tribute) bezahlen. Es wurde also schon im Jahre 1250 unterschieden zwischen den "Fischern des Meeres" und den "Fischern von Albufera".

El Cabanyal um 1249

Während das Hafengebiet El Grau von einer Befestigungsmauer umgeben war, welche die darin lebenden Fischer und Matrosen etwas schützte, hatte das nördliche daran angrenzende Gebiet des Cabanyal keinen Schutz durch Hafenmauern und Befestigungen. Das Gebiet war teilweise sumpfig und durch Überschwemmung gefährdet, die Boote und Schiffe landeten direkt auf dem Sandstrand oder an hölzernen Anlegestellen. Die meisten, die dort lebten, hatten keine feste Arbeit und auch keinen festen Wohnsitz. Viele verdienten sich nur als Tagelöhner ihr Brot.

Erste schriftliche Hinweise 1422

Die ersten schriftlichen Hinweise zur Existenz des an den Hafen El Grau grenzenden Dorfes El Cabanyal stammen vom 4. Juni 1422. Es sollte von der Siedlung El Grau  auf dem Weg zum Cabanyal eine Brücke gebaut werden: "En lo cami que va al Cabanyal". Diese Brücke sollte wohl den Bewässerungskanal "la acequia del Rihuet" überqueren. Heute ist dies eine Straße, die "Calle de Francisco Cubell", die in der Nähe des Hafens zum Meer führt.

Cabanyal, Canyamelar, Cap de França

Bis zum 15. Jahrhundert bezeichnete man das gesamte Gebiet nördlich angrenzend an das Hafengebiet El Grau als El Cabanyal. 
Erst später wurde die Zone ab der Acequia de Rihuet (heute Calle Franciso Cubell) und der Acequia de Gas (heute calle mediterráni) "Canyamelar" genannt. Das eigentliche "El Cabanyal" erstreckte sich damals von der Acequia de Gas (heute calle mediterráni) bis zur Acequia de los Angeles (heute calle Pintor Ferrandis). "Cap de França"war die dritte Zone, sie begann ab der Acequia de los Angeles (heute calle Pintor Ferrandis) bis zur Acequia de la Cadena (heute Avenida de Tarongers).

Cabanyal - Das Dorf der Fischer

Der Fischfang wurde immer bedeutender, so dass sich allmählich viele Fischer außerhalb von El Grau ansiedelten. Die einfach gebauten Häuser oder Hütten waren die "cabanyas", wie auf dem alten Foto oben zu sehen ist. Daher kommt wahrscheinlich der Name des Dorfes "El Cabanyal"

So wie El Grau durch den Hafen definiert war, so El Cabanyal durch die Fischer. Jaime I sah im Fischfang eine große Bedeutung, die Fischer lieferten den Fisch für die Krone ab. Als "Privileg" durften sie sich einschreiben als Fischer des Cabanyal "Matriculado de la mátricula del Cabanyal". Nur diese durften fischen. Aus dieser Einschreibung "mátricula" entwickelten sich später die Genossenschaften der Fischer (cofradías). Allmählich entstanden sich auch kleine Schreinereien und Werkstätten für den Bau von Booten. Erste Werften entstanden.

Canyamelar - Anbau von Hanf

Diese Zone war damals sumpfig, verwildert mit Schilfrohr und Buschwerk, wenig geeignet für den Bau von Häusern. Einige Bauern bauten Hanfplantagen an und verkauften den Hanf für die Produktion von Seilen für die Fischerboote. Hanf heißt auf spanisch cányamo, daher wahrscheinlich der Name Canyamelar. 

Bauern im Cap de França

Der Bereich von Cap de França wurde überwiegend landwirtschaftlich genutzt. Damals auch genannt als "Partida de Rambla". Die Bauern (labradores) pflanzten unter anderem Weizen (trigo) und Hanf (cányamo) an, außerdem kultivierten sie Maulbeerbäume. Bis zum 18. Jahrhundert mussten sie das Land pachten und damit Pacht bezahlen, denn das gesamte Land befand sich im Besitz der Kirche. Von der Existenz dieser Bauern erzählt ein Dokument der Mönche del Convento del Remedio von 1680: Wegen Brandgefahr wurde der Familie Luis Font verboten,  Stroh und Mist im Inneren des Hauses zu lagern.

Feuerbrand 1796 zerstörte fast das ganze Cabanyal. Foto aus Historia von A.S.Pallares.

Neues Land und Feuer

Im Jahr 1792 war der Bau der großen Hafenmole fertig. Durch die Strömung wurde jeden Tag  mehr Erde und Sand an die Ufer des Cabanyal geschwemmt, die neue Hafenmole verhinderte den Abtransport des Angeschwemmten. Das Meer zog sich mit großer Geschwindigkeit zurück. Unerwartet gewann das Dorf schnell an Land unter den Augen der erstaunten Fischer. 

Das Land gehörte der Kirche

Vor dem Bau der Mole begann das Meer schon direkt nach der heutigen Calle de Escalante, heute nicht mehr vorstellbar. Im Jahr 1803 deklarierte die spanische Krone das neu entstandene Land zu ihrem Eigentum. Die Fischer, Bauern und Handwerker mussten den Boden pachten. Immer mehr Häuser und neue Straßen wurden auf dem neuen Grund gebaut.

Der große Einfluss der Kirche, insbesondere auch für die Fischer, zeigt sich auch am Bau von zwei Kirchen, der Iglesia de Nuestra Señora del Rosario (1738-1774) und der Iglesia de Nuestra Señora de los Ángeles (1814). Alle diese Kirchen sind speziell den Fischern und ihrer harten Arbeit auf dem Meer geweiht. Die heute noch jedes Jahr gefeierte Semana Santa de Marinera ist auch historisch bedingt.

Fischerkooperativen

Im 18. Jahrhundert gab es verschiedene Ansätze Fischerkooperativen zu bilden. Es ging um die Verteidigung der Küsten gegen Feinde, um Fischereirechte, um Hilfe für Fischer in Not und um gemeinsame Güter für den Fischfang, wie Ochsen und Pferde, Boote, Fuhrwerke und Fischereigeräte. Der 1864 gegründete Kooperative "Marina" gehörte die alte "casa del bous", ein Ochsenstall, der in der damaligen Straße "San Telmo" lag, heute Ecke José Benlliure und Escalante 232. Dort wurden die gemeinschaftlich gehaltenen Ochsen untergebracht. Die neue Casa del bous wurde näher ans Meer ab dem Jahr 1874 gebaut, das Gebäude steht heute noch und ist denkmalgeschützt.

Parallel dazu wurde eine weitere Zunft gegründet, die "Protectora". Im Jahr 1866 beschlossen beide Zünfte, sich zu vereinen mit dem Namen "Marina Protectora". Als diese Vorgänger mündeten in der Gründung der "Marina Auxiliante" am 23. November 1874. Diese Genossenschaft hat bis Mitte de 19. Jahrhunderts bestanden.

Im Jahr 1902 wurde von den ärmeren Fischern eine weitere Kooperative gegründet, El Progreso del Pescadores, mit dem Ziel, streiken zu können. Sie spaltete sich ab von der Marina Auxiliante, da dort zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich die Besitzer von Booten und Gewerben organisiert waren.

Las casas del bous

Früher gab es für die Fischer keinen Hafen und damit auch keine Anlegestellen. Die Fischerboote wurden auf den Strand gezogen und von dort am nächsten Tag wieder ins Wasser gebracht. Diese schwere Arbeit wurde von Ochsen (bous) erledigt, die im Cabanyal in einem großen Stall (casa del bous) untergebracht waren.

Die bisherige Casa del bous in der calle San Telmo lag durch die Entstehung von neuem Land immer tiefer im Inneren des Dorfes. Der Weg zu den Fischerbooten wurde immer weiter und beschwerlicher. Aber erst ab dem Jahr 1874 wurde die neue "casa del bous" gebaut. Die darauf angebrachte Sonnenuhr wurde 1894 eingeweiht. La nueva casa del bous ist bis heute erhalten. Siehe auch: La Casa del bous.

Die Bezeichnung "pesca del bous" ist demgegenüber etwas völlig anderes. Die "pesca del bous" bedeutet eine Art des Fischfangs, bei der die Fische durch das Ziehen von zwei Schiffen am Anfang in ein breites Netz gehen. Die Schiffe sehen aus wie zwei Hörner. Diese Art des Fischfangs wurde größtenteils durch die Krone verboten und nur noch wenigen Fischern erlaubt, da dadurch die Überfischung des Meeres schon damals in Gefahr war.

Feuersbrunst im Jahr 1796

Dieses Flächenfeuer zertörte praktisch das ganze Cabanyal. Was war der Grund? Die Häuser waren direkt aneinander gebaut, die Mauern aus Lehm mit Holz waren dünn und spröde, die Dächer mit Stroh bedeckt. Die Möbel bestanden meist aus Kiefernholz, am offenen Feuer wurde gekocht. Viele hielten sich Hühner im Hinterhof, der auch mit Stroh ausgelegt war. So konnte ein kleiner Funken aus dem Küchenofen leicht einen Brand  entfachen, der sich schnell von Haus zu Haus übertrug.

Am 21. Februar 1796 fingen innerhalb von 6,5 Stunden alle Häuser Feuer. Es blieb nichts als Asche und die Erinnerung an dieses Desaster. Ein Jahr später, am 29. März 1797, erließ die Regierung ein Dekret, die neuen Häuser mit Stein und Dachziegeln zu bauen. Dieses Dekret hatte kaum Erfolg, da nur wenige Fischerfamilien das Geld hatten, ihre neuen Häuser mit diesen teuren Materialien zu bauen. So gab es viele Ausnahmen, die alte Bauweise wurde bis 1875 überwiegend weiter geführt. Deshalb gab es im Jahr 1875 eine erneute große Feuersbrunst, die 250 Häuser zerstörte.

Diese Feuersbrünste sind der eigentliche Grund für die noch heute erhaltende städtebauliche Struktur des Cabanyal. Der "plan urbanístico" ab 1840" sah klare Linien für den Verkehr auf den Straßen vor, neue Häuserblöcke mit festgelegten Strukturen und klare Eigentumsverhältnisse. Er wurde allerdings nur sehr langsam umgesetzt, so dass 1875 das Feuer nochmal ausbrechen konnte.

Das autonome Pueblo Nuevo del Mar 1837-1897. Foto aus www.cabanyal.com

El poble Nou del Mar

Mit dem Namen des neuen Dorfes "El Poble Nou del Mar" (valencianisch) oder "El pueblo nuevo del Mar" (castillanisch) beginnt im Jahr 1837 die Zeit der Selbstverwaltung und der ersten demokratischen Wahlen im Cabanyal. Die Zeit der Unabhängigkeit und autonomen Selbstverwaltung dauert an bis 1897.

Überall und auch im Cabanyal kämpften die "progresistas" gegen den Carlismus, den Absolutismus. Zur damaligen geschichtlichen Situation siehe auch Verfassung von Cadiz. Nach wie vor mussten die Fischer in der Epoche zwischen 1808 und 1824 einen Tribut an die Kirche bezahlen. Ein Zehntel von allem, was sie fischten, mussten sie abgeben. Ebenfalls verlangte die Kirche Pacht für die Grundstücke, auf denen die Häuser der Fischer, Handwerker und Bauern standen.

Mit den Forderungen nach Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit forderten auch die Bürger im Cabanyal eine Verfassung und Wahlen. In 1837 wird der erste Bürgermeister der neuen Gemeinde "El pueblo nuevo del Mar" gewählt. Er heißt Francisco Cubell, er ist ursprünglich Kapitän des Nationalen Militärs. Eine Straße ist noch heute nach ihm benannt, die "calle de Francisco Cubells".

Neuer Städteplan 1840

Der General D. Antonio González Madroño zeichnet 1840 einen neuen Städteplan für das moderne Cabanyal. Diese städtebauliche Gestaltung ist bis heute in den Grundstukturen erhalten. Ursache war, wie im vorigen Kapitel schon beschrieben, die verheerenden Katastrophen durch Feuer und Epidemien. Die Verwendung von Stroh und Holz in den eng aneinander liegenden Häusern verursachten Feuerbrände. Die Feuchtigkeit durch den Sandboden des ehemaligen Meeres und die leichte Ansteckung durch die Enge waren Grund für Epidemien, eine besonders Schlimme im Jahr 1834.

Der Plan sah eine klare Struktur für die neuen Straßen vor, gerade Straßen parallel zum Meer und direkt hin zum Meer, für den reibungslosen Transport zwischen Meer und Gemeinde. Genaue Maße für die Größe der neu zu bauenden Häuser wurden festgelegt. Viele Häuser sollten eine Breite von ca. 32 Palmos  und eine Länge von 90 Palmos haben, die Ställe eine Breite von 84 Palmos. Die meisten Häuser wurden "casas de cuarto" genannt, sie gingen von Straße zu Straße und hatten oft eine Grundfläche von 145 m² bis 160 m².

Die Fassaden waren weiß zu streichen mit gleicher Dekoration, die Höhe und Größe der Türen, Fenster und Wohnräume war ebenfalls festgelegt. Die Häuser sollten ein-, zwei- oder dreistöckig sein und mit solidem Material gebaut werden, also mit Stein und Ziegeln.

So entstand in den folgenden Jahrzehnten ein neues Viertel, gebaut Haus an Haus, mit geraden parallel laufenden Straßen, und einer Symbiose zwischen Wohnhäusern, kleinen Betrieben, Werkstätten, kleinen Fachgeschäften und den Fischern. Enge Beziehungen zu den Nachbarn wurden gepflegt und die Straße wurde als Erweiterung der Wohnung benutzt, insbesondere bei Festen.

Allerdings führte dieser Plan auch zu einer Teilung der Gemeinde in soziale Klassen. In Canyamelar, der Zone neben dem Hafen bis calle Mediterráni,  baute man Häuser mit drei Stockwerken. Darin siedelten sich meiste wohlhabendere Leute an, Schiffsbesitzer oder Hafenbeamte wie auch Arbeiter der Hafen- und Lagerbetriebe. Im Cabanyal (calle Mediterráni bis Pintor Ferrandis) baute man eher zweistöckig, darin lebten Fischer und Handwerker mit etwas mehr Verdienst. Und zu guter Letzt, im Cap de Franca (calle Pintor Ferrandis bis Avenida de Tarongers) gab es viele einstöckige Häuser, die einfachen Fischern und Bauern zugewiesen wurden.

Im Jahr 1890 hatte die Gemeinde El Pueblo Nuevo del Mar 11291 Einwohner.

Jugendstilhäuser nach Art "Cabanyal". (Foto aus www.cabanyal.com)

Cabanyal Stadtteil Valencias

Im Sommer des Jahres 1897 verliert El pueblo nuevo del Mar seine Unabhängigkeit und wird zu einem Stadtteil von Valencia mit dem Namen "El Cabanyal". Die Bourgeoisie von Valencia entdeckt immer mehr das Meer und die Strände des Cabanyal. Es ist eine Zeit des Aufschwungs: Bau neuer Häuser entsprechend dem bisherigen Städtebauplan von 1840; Ausbau der Calle de la Reina mit einigen Sommerresidenzen der reicheren Bürger Valencias; Bau des Schwimmbads am Meer El Balneario Las Arenas; Bau der Straßenbahn ins und im Cabanyal. 

Siehe auch verschiedene Kulturdenkmäler Valencias im Internet: Depaseo por Valencia und Valencia en blanca y negro.

Entstehung von Gewerkschaften

Durch die Industrialisierung entwickelten sich auch im Cabanyal die Klassen der Arbeiter und Fischer, die keinen Besitz an Booten oder Fabriken hatten. Dies führte zur Bildung von unterschiedlichen Kooperativen. Einerseits gründete sich die "Marina Auxiliante", eine Fusion aus früheren Kooperative "Marina" und "Auxiliante". Darin organisierten sich mit der Zeit hauptsächlich die "Patrones", die Bootsbesitzer oder Besitzer von Schreinereien etc.

Im Jahr 1902 organisierten sich die Fischer, die keinen Besitz hatten, in der Kooperative "El Progreso de Pescadores". Sie trennten sich damit von "Marina auxiliante", um streiken zu können.  "El Casinet" war der Sitz, Versammlungsort und Unterbringung von Materialien für diese Kooperative. Gleichzeitig organisierten sich die Arbeiter, auch im Cabanyal, in der Gewerkschaft CNT.

Unter der Diktatur des Franco-Regimes wurden alle diese Organisationen mit der Begründung, sie seien marxistisch, aufgelöst.

Blasco Ibañez

Der Schriftsteller Blasco Ibañez (1867-1928) schließt sich der republikanischen Bewegung gegen die Monarchie und den Klerus an. Er publiziert die progressive Zeitschrift "El pueblo" und schreibt viele Bücher über das Leben der Fischer und Bauern im Cabanyal und in Albofera. Sein Haus in Malvarrosa ist zu einem Museum umgebaut.

Sorolla und Benlliure

Sorolla ist ein Künstler des Impressionismus, ein Künstler des Lichtes und der Farbe, er malt u.a. Bilder über die Arbeit der Fischer und über das Meer und ist berühmt für seine Farben. Er unterstützt auch die republikanische Bewegung und ist mit Blasco Ibañez befreundet. José Benlliure ist ebenfalls ein bekannter Maler aus dieser Zeit, der im Cabanyal Canyamelar geboren ist. Eine Straße ist nach ihm benannt.

Jugendstil · Modernismo

Die im El Cabanyal seit Anfang des 20. Jahrhundert entwickelte Architektur ist der sogenannte populäre Jugendstil (spanisch: Modernismo). Diese Jugendstilart ist naiv, farbig, sich wiederholend, aber auch eigentümlich, handwerklich, frei von Normen, verzierend und direkt. Die Fliesen (Azulejos) haben helle Farben, gemischt mit blau, grün und weiß, die Farbgebung entspricht den Farben der Fischerboote. Charakteristisch sind die marineren Motive (z.B. Motive vom Fischfang) und auch Motive mit verschiedensten Blumen. 

Die noch erhaltenen Häuser des Cabanyal im Jugendstil sind überwiegend denkmalgeschützt. Mehr dazu siehe auf Seite Kultur, Jugendstilhäuser.

Spanischer Bürgerkrieg

Der spanische Bürgerkrieg wurde von Juli 1936 bis April 1939 zwischen der demokratisch gewählten Volksregierung der zweiten spanischen Republik und den rechtsgerichteten Putschisten unter General Franco ausgerichtet. Nach dem Sieg der Franquisten endete der Franquismus erst 1975 mit dem Tod Francos. Auch im Cabanyal gab es eine große Kämpfe der demokratischen Bewegung gegen Franco.

In der Zeit unter Franco hielt man sich auch nicht mehr an den seit 1840 geltenden Städtebauplan des Cabanyal. Die Auflage nur zwei- oder dreistöckige Häuser zu bauen, wurde aufgehoben, so dass heute im Cabanyal zwischen den niedrigen Häusern hohe Häuser mit vielen Stockwerken stehen, die das einheitliche Stadtbild zerstören.

La Lonja de Pescadores

Die Fischergenossenschaft "Marina Auxiliante" spielt im Fischerdorf Cabanyal eine sehr starke Rolle. Von und für diese Fischerzunft wird die Lonja de Pescadores 1904 erbaut. Sie war zuerst als Wohnhäuser in Verbindung mit Fischverkauf geplant. Dieser Nutzen war aber nur von kurzer Dauer. Im ersten Weltkrieg wurde die Lonja kurz nach ihrer Erstellung als Lazarett genutzt. Sie lag genau in der Abrisszone des Plans PEPRI. Jetzt kann sie erhalten bleiben.

Video über diese Zeit

Das Abrissgebiet des Cabanyal nach dem Plan PEPRI ab 1997. (Foto aus www.cabanyal.com)

Der Kampf ums Cabanyal

Seit der Eingemeindung des Cabanyal in die Stadt Valencia gab es das Interesse der valencianischen Bourgoisie, Valencia durch eine breite neue Avenida direkt an das Meer und den Strand anzubinden. Die vom Zentrum Valencias Richtung Meer gebaute Avenida Blasco Ibañez endete aber vor dem Cabanyal. 1960 gab es erste genauere Vorschläge, diese Avenida bis ans Meer durch den Abriss von Häusern durch das Cabanyal zu führen.

Der Widerstand gegen diese Pläne war von Anfang an sehr groß. Aus zwei Gründen: Ein beträchtlicher Teil der Häuser stellen einmalige Beispiele des Jugendstils (Modernismo) des 19. Jahrhunderts dar.  Außerdem wäre durch den Bau der Avenida bis ans Meer mitten durch das Cabanyal die Einheit des Stadtteils zerstört worden.

Auf Grund seiner besonderen städtebaulichen Struktur und seiner im volkstümlichen Jugendstil erbauten Wohnhäuser wurde das gesamte Gebiet im Jahr 1993 von der Kulturbehörde des Landes Valencia (“Consellería de Cultura de la Generalitat Valenciana”) zum Kulturdenkmal (“Bien de Interés Cultural”) erklärt.

PEPRI (Plan Especial Proteccion de Reforma interior)

Die von der Partido Popular gestellte Stadtregierung beschloss am 25. Mai 2001 trotz aller Proteste der Bewegung "Salvem el Cabanyal" den Bau der Avenida mit dem Bebauungsplan PEPRI. Wegen dem Denkmalschutz sollte die Avenida "nur noch" eine Breite von 48 Metern haben (P = Protección in PEPRI), entgegen der anfänglichen Absicht von 100 Metern Breite (Plan El PERI). Zusammen mit der geplanten 5-geschossigen Bebauung rechts und links der Avenida sollte die Trasse eine Breite von 148 Metern bekommen. 1600 Wohnungen sollten zerstört werden und ca. 1200 Familien umgesiedelt werden. Dieselben Grundstücke sollten dann zu Marktpreisen privaten Bauunternehmen zum Kauf angeboten werden.

2 Videos: PLan PEPRI, Kultur und Geschichte des Cabanyal

Während die Stadtregierung in diesen Jahren immer wieder Einzelabrisse von Häusern vollziehen konnte, versuchte sich die Initiative "Salvem el Cabanyal"  über Demonstrationen und - letztendlich erfolglose - Klagen bis hin zum obersten Gericht den weiteren Abriss abzuwehren. Viele Familien werden gegen Entschädigung zu Niedrigpreisen enteignet. Im Jahr 2010 griff sogar das von den Sozialisten dominierte Kulturministerium in Madrid ein, um die "Plünderung" dieses Kulturgutes zu verhindern. 

Linksbündnis ab 2015

Die Stadtratswahl von Valencia im Mai 2015 war geprägt von der Empörung vieler Valencianer gegen die ausufernden Korruption der rechts konservativen Regierung unter Vorsitz von Rita Barbara (Partido Popular). Die linken Parteien Coalició Compromis, PSOE und Podemos bekamen die Mehrheit im Stadtparlament. Sitzverteilung: Coalició Compromis 9 Sitze, PSOE 5 Sitze, Podemos 3 Sitze, PP 10 Sitze, Ciudadanos 6 Sitze.

Ein zentrales Wahlversprechen dieser Parteien war der Stopp von PEPRI. Die neu gewählte Regierung unter dem Bürgermeister Alcalde Joan Ribó (coalició Compromis) setzte ihr Wahlversprechen um. Die Avenida Blasco Ibañez bis zum Meer wird nicht gebaut. 

Moderne Städteplanung

Standpunkt von "Salvem el Cabanyal": Der Plan PEPRI präsentierte ein überholtes Städtebaukonzept. Dagegen braucht es heute ein nachhaltiges Modell mit wenig Verkehr, mit der Möglichkeit, die Natur besser zu genießen und mit einem nachbarlichen Leben in den Straßen als Angelpunkt einer gemeinsamen Lebensweise. Das kulturelle Erbe des ehemaligen Fischerdorfes Cabanyal ist denkmalgeschützt und muss erhalten werden.

Erklärung zur Bilderreihe: 1. Bild: In Gelb: der Gründungs-Kern von Cabanyal. In Orange: die Erweiterung als Kulturdenkmal. In Rot: Plan PEPRI.
Weitere Bilder: Demonstrationen, Zone des Abrisses, zubetonierte Türen gegen Besetzung von Häusern, Verfall von Häusern mit Jugendstil.

Bilderreihe PEPRI

Sanierung der Kanalisation im Jahr 2017

Neuaufbau des Cabanyal

Nach einigen großen Schwierigkeiten der neuen Stadtregierung von Valencia, genügend Geld (ca. 30 Millionen Euro) für die Restruktierung des Cabanyal zu bekommen, ging die Sanierung ab dem Jahr 2016 los. Die erste ganz wichtige Maßnahme gleich nach der Regierungsübernahme war die tägliche Säuberung der Straßen. Denn die Regierung der PP hatte ganz bewusst keine Säuberung mehr durchgeführt, um das Viertel zu verwahrlosen. Kakerlaken und Termiten machten sich immer breiter. Insbesondere die Termiten sind für die mit Holzbalken stabilisierten Häuser eine große Gefahr. Hier hat sich seither viel getan.

Renovierung der Straßen

Hauptziel war die Erneuerung der alten Kanäle für das Trinkwassers und das Abwasser. Gleichzeitig wurden die Gehwege als große Fußgängerzonen vergrößert. Ca. 6 Millionen wurden bereitgestellt für die Renovierung der Straßen calle Barraca, la Reina, Dr. Luch, Tarongers, mediterráni,  und die Trams Pescadores, Francisco Cubell, Amparo Guillem. Mittlerweile sind viele Straßen schon renoviert. Es fehlt noch die gesamte sogenannte Zone Null, also die ehemalige Abrisszone. Hier muss noch weiteres Geld zur Verfügung gestellt werden.

Renovierung der Häuser

Die alte Stadtregierung hatte für den Plan Pepri um die 600 Häuser enteignet und teilweise auch schon abgerissen. Jetzt geht es darum, diese Häuser wieder bewohnbar zu machen durch Verkauf an Menschen, die in diesem Viertel wohnen wollen. Ebenfalls werden freie Grundflächen zum Bebauen angeboten. Dieser Prozess geht nur schleppend voran. Die Regierung versucht mit Auflagen, wer die stadteigenen Häuser und Grundstücke kaufen kann, zu verhindern, dass Spekulanten für Immobilien hier ihr Unwesen zu treiben beginnen.

Kein neues Rusafa

Es besteht von vielen Anwohnern die Angst, dass im Cabanyal ein neues Rusafa entsteht. Das heißt ein Viertel mit unzähligen Nachtbars und Restaurants, Wohnungsvermietung in großem Stil über airandb und ein Überhandnehmen des Tourismus. Die Organisationen Salvem Cabanyal und die Vecinos de Cabanyal fordern hier klare Maßnahmen von der Regierung.

Plan Cabanyal-Canyamelar

Die Regierung hat ein im Cabanyal ein staatliches Planungsbüro eingerichtet, mit dem Namen Plan Cabanyal-Canyamelar. Auf der Internetseite kann man sich über alle Vorhaben informieren.

Im Februar 2018 hat Plan Cabanyal-Canyamelar eine Foto-Reihe über den Stand Renovierung von über 50 Häusern im Cabanyal in Facebook gestellt. Siehe: Renovierung Stand 02/2018.